Jena, 28. Mai 2026. Das wissenschaftliche Projekt „Geschichte statt Mythen“ der Friedrich-Schiller-Universität Jena setzt sich intensiv mit geschichtsrevisionistischen Erzählungen und der Aufarbeitung von NS-Mythen in Thüringen auseinander. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der historischen Aufklärung rund um die Stadt Nordhausen und die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora.
- Projekt: „Geschichte statt Mythen“ der Friedrich-Schiller-Universität Jena
- Fokus: Wissenschaftliche Aufarbeitung von NS-Mythen und Geschichtsrevisionismus
- Beteiligte Akteure: Andreas Froese (Leiter der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora), Jakob Schergaut (Moderation/Projektmitarbeiter)
- Förderer & Partner: Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ), Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, „Historiker*innen für Demokratie“
- Projekt-Website: www.geschichte-statt-mythen.de
Wissenschaftliche Analyse gegen „Fake History“
Das an der Friedrich-Schiller-Universität Jena (FSU) angesiedelte Projekt „Geschichte statt Mythen“ widmet sich der systematischen Erforschung und Einordnung von geschichtspolitischen Verfälschungen. Unter der wissenschaftlichen Leitung der FSU-Historiker zielt das Vorhaben darauf ab, historische Mythen zu dekonstruieren und eine faktenbasierte Erinnerungskultur zu stärken. Das Projekt wird maßgeblich von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ) gefördert und kooperiert eng mit der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen sowie dem Netzwerk „Historiker*innen für Demokratie“.
Im Zentrum der Arbeit stehen die Dokumentation, die methodische Analyse und die verständliche Vermittlung historischer Tatsachen an die breite Öffentlichkeit. Durch Vorträge, Publikationen und Medienkooperationen – wie der aktuellen Sondersendung von Jena TV – machen die Forscher wissenschaftliche Erkenntnisse zugänglich. Damit reagieren die Initiatoren auf die zunehmende Verbreitung von Falschdarstellungen im digitalen Raum und im politischen Diskurs, die darauf abzielen, die Verbrechen des Nationalsozialismus zu relativieren oder umzudeuten.
Das Beispiel Nordhausen: Opfermythos versus historische Realität
Die Bedeutung dieser wissenschaftlichen Arbeit zeigt sich besonders deutlich am Beispiel der Stadt Nordhausen und der dortigen Gedenkstätte Mittelbau-Dora. Im Rahmen der begleitenden Veranstaltungsreihe beleuchtet Andreas Froese, Leiter der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora, gemeinsam mit dem Moderator Jakob Schergaut die spezifischen Mythen und Legenden, die sich seit Jahrzehnten um die thüringische Stadt und ihre NS-Vergangenheit ranken.
Nordhausen stand nach dem Zweiten Weltkrieg jahrzehntelang im Spannungsfeld einer stark lokalpatriotisch geprägten Erinnerungskultur. Nach den schweren Luftangriffen der Royal Air Force im April 1945, bei denen große Teile der Stadt zerstört wurden, etablierte sich in der lokalen Bevölkerung ein ausgeprägter Opfermythos. Dieser fokussierte sich primär auf das Leid der eigenen Bevölkerung und drängte die Existenz des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora sowie die aktive Verstrickung lokaler Akteure in die NS-Rüstungsproduktion jahrzehntelang an den Rand des kollektiven Bewusstseins.
Die Gedenkstätte Mittelbau-Dora als Mahnort
Die historische Realität zeigt jedoch ein anderes Bild: Im KZ Mittelbau-Dora und seinen zahlreichen Außenlagern wurden ab 1943 Zehntausende KZ-Häftlinge unter unmenschlichen Bedingungen zur Zwangsarbeit im unterirdischen Stollennetz des Kohnsteins gezwungen. Sie mussten dort die sogenannten „Vergeltungswaffen“ (V2-Raketen) produzieren. Mehr als 20.000 Menschen starben an Entkräftung, Hunger, Krankheiten und Misshandlungen.
Die Aufarbeitung dieser engen Verflechtung von Rüstungsindustrie, lokaler Verwaltung, der ansässigen Bevölkerung und dem Lagersystem ist ein Kernanliegen moderner Geschichtsforschung. Forscher wie Andreas Froese betonen immer wieder, wie wichtig es ist, die lokale Perspektive der Zerstörung Nordhausens nicht isoliert, sondern in direktem Zusammenhang mit dem rassistischen Vernichtungskrieg des NS-Regimes zu betrachten. Das Projekt „Geschichte statt Mythen“ leistet hierbei einen wichtigen Beitrag, indem es diese komplexen Zusammenhänge wissenschaftlich fundiert aufbereitet und so populistischen Vereinfachungen den Boden entzieht.
🏛️ Historie & Gebäude: Das Erbe von Mittelbau-Dora
Die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora in Nordhausen ist heute ein international bedeutender Lern- und Erinnerungsort. Das im Spätsommer 1943 zunächst als Außenlager des KZ Buchenwald gegründete Lager wurde im Herbst 1944 zu einem eigenständigen Konzentrationslager ausgebaut. Kern des Lagers war die unterirdische Rüstungsfabrik im Kohnstein, in der unter brutalsten Bedingungen Zwangsarbeit geleistet werden musste. Nach der Befreiung im April 1945 durch die US-Armee diente das Areal unter anderem als Unterkunft für Vertriebene. Erst in den 1960er Jahren wurde eine erste Gedenkstätte eingerichtet, die nach der deutschen Wiedervereinigung grundlegend neukonzipiert wurde. Die wissenschaftliche Kooperation zwischen Gedenkstätten und Universitäten wie der FSU Jena sichert die kontinuierliche Erforschung dieser historischen Orte und schützt das Gedenken vor politischer Instrumentalisierung.
Quelle:
Sondersendungen – Fake History? Geschichtsmythen unter der Lupe
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