Jena (20. Juni) – Es ist eine Nachricht, die im Jenaer Rathaus und bei der Wirtschaftsförderung für Unruhe sorgen dürfte: Ein etablierter Online-Versandhändler zieht offenbar ernsthaft in Erwägung, den Standort Jena zu verlassen. Wie der MDR berichtet, droht das Unternehmen mit einer Abwanderung. Für die Lichtstadt, die sich gerne als innovationsfreudiger und wirtschaftsstarker Leuchtturm in Thüringen präsentiert, wäre dies ein herber Rückschlag.
Ringen um Gewerbeflächen im Saaletal
Obwohl der Name des Unternehmens in der ersten Meldung nicht explizit in den Fokus gerückt wurde, ist das zugrundeliegende Problem in Jena ein offenes Geheimnis. Die geografische Lage der Stadt – eingekesselt von den markanten Kernbergen und dem Jenzig im Saaletal – ist Fluch und Segen zugleich. Was für Wanderer und Naturliebhaber ein Paradies ist, wird für expandierende Unternehmen zunehmend zum Nadelöhr.
Große Logistik- und Versandunternehmen benötigen Fläche – viel Fläche. Hallen für Lagerung, Kommissionierung und den Versand müssen errichtet werden, dazu kommen notwendige Parkplätze für Mitarbeiter und eine gute Anbindung für den Lieferverkehr. In den klassischen Gewerbegebieten wie Jena-Göschwitz oder Maua sind die Kapazitäten jedoch weitgehend erschöpft. Die Diskussion um die Ausweisung neuer Gewerbeflächen führt in der Stadtpolitik regelmäßig zu hitzigen Debatten zwischen ökonomischen Notwendigkeiten und ökologischen Bedenken.
Gefahr für Arbeitsplätze und Gewerbesteuer
Sollte das Unternehmen seine Drohung wahr machen, stünden nicht nur Arbeitsplätze auf dem Spiel. Für den städtischen Haushalt wäre der Verlust eines umsatzstarken Online-Händlers auch mit Einbußen bei der Gewerbesteuer verbunden. Diese Einnahmen sind essenziell, um städtische Projekte – von der Sanierung von Schulen bis hin zu Investitionen in den Nahverkehr oder Großprojekte wie die Umgestaltung des Eichplatzes – zu finanzieren.
Die möglichen Gründe für die Abwanderungsgedanken sind vielfältig und decken sich oft mit der Kritik anderer Wirtschaftsakteure:
- Flächenmangel: Fehlende Möglichkeiten zur baulichen Erweiterung am aktuellen Standort.
- Bürokratie: Lange Genehmigungsverfahren für Neubauten oder Umbauten.
- Verkehrsanbindung: Die logistischen Herausforderungen innerhalb des engen Stadtgebiets, trotz der Nähe zur A4.
Konkurrenz aus dem Umland
Für Jena ist die Situation besonders brisant, da die Konkurrenz nicht schläft. Landkreise im Umland, wie der Saale-Holzland-Kreis, verfügen oft über mehr verfügbare Flächen und locken Unternehmen mit niedrigeren Hebesätzen oder schnelleren Genehmigungsverfahren. Ein Umzug ins direkte Umland würde zwar bedeuten, dass die Arbeitskräfte der Region erhalten bleiben, die Steuereinnahmen jedoch an der Stadtgrenze hängen bleiben.
Es bleibt abzuwarten, wie Oberbürgermeister Thomas Nitzsche und die Wirtschaftsförderung Jena auf diese Entwicklung reagieren werden. Oftmals sind solche öffentlichen Drohungen auch ein letzter Weckruf in laufenden Verhandlungen, um Bewegung in festgefahrene Genehmigungsprozesse zu bringen. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob für den Standort Jena eine Lösung gefunden werden kann oder ob der Online-Handel in der Saalestadt einen prominenten Akteur verliert.