Macht im Block: Wie viel Einfluss haben die Ultras beim FC Carl Zeiss Jena?

Jena (19.09.) – Es ist ein Bild, das jeder Besucher im Ernst-Abbe-Sportfeld kennt: Wenn die Südkurve ihre Fahnen schwenkt und die Gesänge anstimmt, ist die Atmosphäre im Paradies elektrisierend. Doch die organisierte Fanszene, insbesondere die Ultras, sind längst mehr als nur der akustische und optische Rückhalt der Mannschaft. Ein aktueller Bericht des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) wirft die spannende Frage auf: Wie viel Macht haben die Ultras in Jena wirklich? Eine Frage, die gerade in einer stetig wachsenden Stadt und einem Verein im Wandel – nicht zuletzt durch den Stadionneubau – von hoher Relevanz ist.

Zwischen bedingungsloser Treue und Mitspracherecht

Der FC Carl Zeiss Jena und seine aktive Fanszene, allen voran Gruppen wie die „Horda Azzuro“ und andere Bündnisse der Südkurve, pflegen eine intensive Beziehung. Diese Symbiose ist für den Verein überlebenswichtig, birgt aber auch Konfliktpotenzial. Die Ultras in Jena verstehen sich traditionell nicht als reine Konsumenten des Fußballs, sondern als Gralshüter der Vereinsidentität. Sie engagieren sich gegen Kommerzialisierung, setzen sich oft für gesellschaftspolitische Themen ein – etwa gegen Rassismus – und fordern Gehör bei strategischen Entscheidungen des Clubs.

Für die Verantwortlichen im Verein ist dies oft ein schmaler Grat. Einerseits sind die spektakulären Choreografien und die lautstarke Unterstützung ein Aushängeschild für den FCC, das Sponsoren und neue Zuschauer anzieht. Andererseits sorgen Themen wie der Einsatz von Pyrotechnik immer wieder für Dissonanzen und finanzielle Belastungen durch Verbandsstrafen. Die „Macht im Block“ definiert sich also über eine simple Rechnung: Ohne die organisierte Szene fehlt dem Stadion die Seele, doch mit ihr kommt auch ein fordernder, kritischer Geist, der sich nicht den Mund verbieten lässt.

Einflussnahme weit über das Spielfeld hinaus

Die Diskussion, die der MDR-Beitrag angestoßen hat, zielt auch auf die Strukturen hinter den Kulissen ab. In vielen Traditionsvereinen, und so auch in Jena, sind Fanvertreter eng in den Dialog mit der Geschäftsführung eingebunden. Die Einflussnahme zeigt sich auf verschiedenen Ebenen:

  • Vereinspolitik: Mitgliederversammlungen werden oft maßgeblich durch die mobilisierte Basis der aktiven Szene geprägt.
  • Stadiongestaltung: Beim Um- und Neubau des Ernst-Abbe-Sportfeldes war es der Fanszene wichtig, dass die Stehplätze und die Heimat der Südkurve erhalten bleiben und den Bedürfnissen der Fankultur entsprechen.
  • Soziales Engagement: Die Ultras in Jena organisieren regelmäßig Spendensammlungen oder soziale Aktionen, was ihnen innerhalb der Stadtgesellschaft Respekt verschafft und ihre Position stärkt.

Ein unverzichtbarer Teil der Jenaer DNA

Kritiker mögen anmerken, dass der Einfluss gewählter Gremien nicht durch lautstarke Gruppen untergraben werden darf. Doch in der Realität des modernen Fußballs, speziell in einer traditionsbewussten Stadt wie Jena, ist ein Gegeneinander kaum möglich. Die „Macht“ der Kurve ist letztlich ein Ausdruck von Leidenschaft. Solange der Dialog zwischen Vereinsführung, Sicherheitsbehörden und den Capos auf dem Zaun funktioniert, bleibt diese Energie eine treibende Kraft für den FCC. Der Blick auf die Ränge zeigt: Der FC Carl Zeiss Jena ist ohne seine kritische, laute und bunte Basis kaum vorstellbar.