Bühne als Spiegel der Provinz: Jena zeigt „Herscht 07769“

Das Wichtigste in Kürze

  • Lokales Szenario: Das Stück basiert auf dem Roman von László Krasznahorkai, der im Saale-Holzland-Kreis (PLZ 07769) spielt.
  • Brisantes Thema: Die Inszenierung thematisiert die schleichende Radikalisierung und rechtsextreme Strukturen in der Thüringer Provinz.
  • Kulturelles Highlight: Das Theaterhaus Jena bringt den Stoff als bedrückende und zugleich hochrelevante Gesellschaftsanalyse auf die Bühne.

Jena (12.01.2026) – Es ist eine Postleitzahl, die vielen hier in der Region bekannt vorkommt, und sie ist zugleich der Code für ein düsteres literarisches Universum. Mit „Herscht 07769“ bringt die Jenaer Kulturlandschaft einen Stoff auf die Bühne, der aktueller und schmerzhafter kaum sein könnte. Die Thüringer Allgemeine titelte passend zur Aufführung: „Radikalisierung auf offener Bühne“. Doch was erwartet die Zuschauer bei diesem Stück, das so tief in die Thüringer Seele – und ihre Abgründe – blickt?

Ein sanfter Riese zwischen Bach und Neonazis

Im Zentrum der Handlung steht Florian Herscht, ein physisch starker, aber geistig schlichter Mann, der in der fiktiven (aber geografisch real verortbaren) Ortschaft Kana lebt – eben jener Postleitzahl 07769 im Saale-Holzland-Kreis zugeordnet. Herscht ist ein gutmütiger Mensch, der Angst vor dem Zusammenbruch des Universums hat und sich an der Ordnung der Musik von Johann Sebastian Bach festhält. Doch diese Ordnung ist trügerisch.

Die Inszenierung in Jena arbeitet heraus, wie dieser eigentlich unpolitische Mensch von seinem Umfeld instrumentalisiert wird. Er gerät in die Fänge des lokalen Neonazi-Anführers, den alle nur den „Boss“ nennen. Während Herscht Briefe an die ehemalige Bundeskanzlerin schreibt, um vor physikalischen Katastrophen zu warnen, braut sich in seiner direkten Nachbarschaft eine ganz reale, menschliche Katastrophe zusammen. Das Stück zeigt ungeschönt, wie rechtsextreme Ideologien in den Alltag einsickern, getarnt als Dorfgemeinschaft und Kümmerer-Attitüde, bis die Gewalt unausweichlich wird.

Warum dieses Stück gerade jetzt wichtig ist

Für das Jenaer Publikum ist „Herscht 07769“ keine abstrakte Kunst, sondern eine Auseinandersetzung mit der direkten Umgebung. Jena, oft als weltoffene Insel im ländlichen Raum beschrieben, steht in einem ständigen Spannungsverhältnis zum Umland. Das Theaterstück bringt diese Spannung in den Saal. Es konfrontiert die urbane Bildungsschicht mit der Realität, die nur wenige Kilometer vor den Toren der Stadt existiert.

Die Inszenierung nutzt dabei die Kraft des Theaters, um Mechanismen der Radikalisierung sichtbar zu machen, die im Alltag oft im Verborgenen bleiben oder schweigend hingenommen werden. Es geht um das Wegsehen, um die schleichende Normalisierung von Hass und um die Frage, wie viel Unschuld in Unwissenheit stecken darf. Dass der Romanautor László Krasznahorkai, ein Weltliterat, ausgerechnet Thüringen als Schauplatz für seine Apokalypse wählte, verleiht der Aufführung zusätzliches Gewicht. Die Bühne wird zum Resonanzraum für Ängste und politische Verwerfungen, die das Jahr 2026 prägen.

Einladung zum Diskurs

Ein Theaterabend wie dieser ist keine leichte Kost. Er dient nicht der bloßen Unterhaltung, sondern fordert heraus. Er zwingt dazu, Position zu beziehen und die eigene Wahrnehmung der Region zu hinterfragen. Kritiker loben den Mut der Inszenierung, die Finger tief in die Wunden der Gesellschaft zu legen, ohne dabei die Menschlichkeit der Figuren – selbst der gefallenen – gänzlich aus den Augen zu verlieren.

Wer verstehen will, was die Menschen in Thüringen bewegt und wie fragil der gesellschaftliche Zusammenhalt sein kann, sollte sich diese Aufführung nicht entgehen lassen. Es ist Theater, das wehtut, aber genau deshalb notwendig ist.

Wir werden weiter über die Reaktionen auf das Stück und kommende Spieltermine berichten.


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